NI VU NI CONNU
 

Mit Eva Braun im Taxi zum Geysir

Porträt des Berliner Missverständniswissenschaftlers Wolfgang Müller

 
 

Die Taxifahrt mit Eva Braun zum Geysir (Arbeitstitel)
Ein Porträt des Berliner Missverständniswissenschaftlers
Wolfgang Müller

Ein Filmprojekt von Antoine Prum

 

 „Ich mache heute ein Hörspiel, morgen eine Zeichnung, übermorgen Musik oder auch gar nichts.“—Wolfgang Müller

 

Der Berliner Künstler und Autor Wolfgang Müller kommt 1957 in Wolfsburg zur Welt, in einer typischen Arbeiterfamilie, wo der Vater den Familienunterhalt bei VW verdient. Der junge Wolfgang ist ein ziemlich schüchterner Schüler. Er hat wohl eine besonders schöne Stimme, das Vorsingen ist ihm allerdings peinlich. Im Musikunterricht darf er daher mit beiden Händen vor dem Gesicht singen.

Nach ersten künstlerischen Aktivitäten und der Gründung einer Schwulengruppe in Wolfsburg Mitte der 1970er zieht es ihn 1979 aus der niedersächsischen Provinz nach Westberlin, wo er sich an der Hochschule der Künste bewirbt. Zusammen mit Nikolaus Utermöhlen, einem Mitstudenten, gründet er Die Tödliche Doris. Die Gruppe verbindet Performance, Bildende Kunst, Film und Musik in künstlerischen Interventionen, die als solche oftmals nicht zu erkennen sind. Bezeichnend für ihre Arbeit ist das „unsichtbare“ Musikalbum, das sich erst aus dem synchronen Zusammenspiel zweier LPs ergibt. Kernpunkte ihres Schaffens sind die Erprobung eines offenen Kunstbegriffs sowie die Frage nach der eigenen Identität, auf die sie mit stets neuen Möglichkeiten antwortet. Bis zum Zeitpunkt ihrer – von Anfang an eingeplanten – Selbstauflösung im Jahr 1987 wird Die Tödliche Doris in unterschiedlichen Formationen aktiv sein. Weitere Mitglieder sind die Kunststudentinnen Chris Dreier und Dagmar Dimitroff, Max Müller (Wolfgang Müllers Bruder), die Künstlerin und Hausbesetzerin Käthe Kruse und die Schauspielerin und Kostümbildnerin Tabea Blumenschein.

Als Mitglied der Tödlichen Doris ist Wolfgang Müller ein Motor des Zusammenschlusses der „genialen Dilletanten“ (Falschschreibung im Original!), eines losen Verbunds aus Künstlern wie Gudrun Gut, Frieder Butzmann und Blixa Bargeld, die alle auf ihre eigene Art in einer Mischung aus Performance und Musikkonzert den tristen und provinziellen Mief Westberlins in Klang und Bild wiedergeben. 1982 veröffentlicht Müller das Büchlein Geniale Dilletanten im Berliner Merve Verlag und reflektiert somit sehr früh über diese Westberliner Szene, indem er sie in einen kultursoziologischen Kontext einbettet.

Nach der Auflösung der Tödlichen Doris arbeitet Müller als Solokünstler weiter. Als Vorsitzender der Walther von Goethe Foundation (mit Sitz in Reykjavik und demnächst auch in Tirana) oder als Hobby-Ornithologe, der sich mit Staren beschäftigt, die Kurt Schwitters zitieren, testet er bestehende Machtstrukturen auf ihre Dehnbarkeit. Er ist auch selbsternannter Elfenexperte, wobei die Elfen eine Metapher für alles sind, was da ist, man aber nicht sieht, schmeckt, spürt oder hört. Kunst ist für Müller eine Wahrnehmungsforschung, eine Art Wissenschaft ins Offene, die aber nicht wissenschaftlichen Regeln folgt, sondern andere Regelwerke finden kann.

Wolfgang Müller ist ebenfalls ein gefeierter Autor (u.a. Hormone des Mannes – Ein deutsches Lesebuch; Blue Tit – Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch; Valeska Gert – Ästhetik der Präsenzen) und Hörspielautor. Im Jahr 2009 hat er den begehrten Karl-Sczuka-Preis für Radiokunst für das Hörspiel Séance Vocibus Avium erhalten. In seiner Laudatio nannte der Schriftsteller Marcel Beyer den Autor einen „Erforscher von Missverständnissen“; seither nimmt Müller die Bezeichnung des Missverständniswissenschaftlers für sich in Anspruch.

2017 hat Wolfgang Müller seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Das ihm gewidmete Filmporträt dokumentiert den Entstehungsprozess eines neuen Hörspiels, in dem Müller eine Reihe von Protagonisten auflaufen lässt, die seine künstlerische Laufbahn begleitet und geprägt haben. Indem der Film den Entstehungsprozess der autobiographischen Hörspielsituation begleitet, erkundet er gleichzeitig die unterschiedlichen Herangehensweisen von Film- und Hörspiel, zwei a priori antagonistischen künstlerischen Ausdrucksmitteln – eine Vorgehensweise ganz im Sinne des Missverständniswissenschaftlers.

With Eva Braun in a Taxi to the Geyser (working title)
Wolfgang Müller,
portrait of a misunderstanding scientist from Berlin-Kreuzberg

A film project by Antoine Prum

 

‘I might be doing a radio play today, a drawing tomorrow, music the day after tomorrow, or maybe nothing at all.’—Wolfgang Müller

 

The Berlin-based artist and author Wolfgang Müller was born in 1957 into a typical working-class family in Wolfsburg, where his father earned a living at the VW car plant. Young Wolfgang was a shy pupil. Although he had a beautiful voice, he disliked singing in front of others. During music lessons he was therefore allowed to sing while holding his hands up to his face.

After taking his first steps in art and founding a gay group in Wolfsburg in the mid-1970s, he moved from Lower Saxony to West Berlin in 1979, where he applied to the Hochschule der Künste. Together with Nikolaus Utermöhlen, a fellow student, he founded Die Tödliche Doris. The group combined performance, visual art, film and music in artistic interventions that were often unrecognisable as such. A characteristic example of their work is the ‘invisible’ music album that results from playing two of their LPs at the same time. The group’s work revolved around an open conception of art and a questioning of its own identity, which it constantly subjected to new possible definitions. Die Tödliche Doris was active in various formations until its scheduled dissolution in 1987. Other members were the art students Chris Dreier and Dagmar Dimitroff, Max Müller (Wolfgang Müller’s brother), the artist and squatter Käthe Kruse and the actress and costume designer Tabea Blumenschein.

As a member of Die Tödliche Doris, Wolfgang Müller was a driving force behind the ‘Genial Dilletantes’ (spelling mistake intended!), a loose association of artists including Gudrun Gut, Frieder Butzmann and Blixa Cash, who captured the dreariness and parochialism of West Berlin in idiosyncratic performances and concerts. As early as 1982, Müller published the book Geniale Dilletanten (Merve Verlag), a contemporaneous reflection on the West Berlin scene seen in the wider cultural and sociological context.

Since the dissolution of Die Tödliche Doris, Müller has been pursuing a career as a solo artist. As the chairman of the Walther von Goethe Foundation (based in Reykjavik and soon in Tirana) and hobby ornithologist who studies starlings that quote Kurt Schwitters, he probes the boundaries of existing power structures. He is also a self-proclaimed expert in elves, the latter a metaphor for everything that is there but cannot be seen, tasted, felt or heard. For Müller, art is a kind of perceptual research, a science of the unknown that dismisses scientific procedures in search of other, less predetermined rules.

Wolfgang Müller is also a celebrated author (books include Hormone des Mannes – Ein deutsches Lesebuch; Blue Tit – Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch; Valeska Gert – Ästhetik der Präsenzen) and radio playwright. In 2009 he received the prestigious Karl Sczuka Prize for radio art for his play Séance Vocibus Avium. In his eulogy, the writer Marcel Beyer called him an ‘explorer of misunderstandings’; ever since, Müller has been terming himself a misunderstanding scientist.

Wolfgang Müller turned 60 in 2017. This portrait documents the development of a new autobiographical radio play in which Müller gathers a group of protagonists who accompanied and influenced his artistic career. By trying to capture the genesis of a radio play on film, it tries to reconcile two seemingly antagonistic means of artistic expression – an approach consistent with the general mindset of a misunderstanding scientist.