NI VU NI CONNU
 

Blue for a Moment - Berlin Premiere

24. Mai 2017 - 20.30 Uhr
CINEMA PARIS
Kurfürstendamm 211
10719 Berlin

Mit der Unterstützung der Botschaft des Großherzogtums Luxemburg in Berlin

Blue for a Moment widmet sich der künstlerischen Laufbahn des schwedischen Jazzmusikers, Avantgarde-Komponisten, Dichters und bildenden Künstlers Sven-Åke Johansson, einer der singulärsten und spannendsten Figuren der europäischen Improvisationsmusik. Johansson (geb. 1943 in Mariestad) lebt seit den späten 1960er Jahren in Berlin und ist dort in den unterschiedlichsten musikalisch-künstlerischen Kontexten aktiv. Erste Auftritte finden 1967/68 im Umfeld des Zodiak Free Arts Lab am Halleschen Ufer statt, wo junge experimentierfreudige Musiker und Kunststudenten die Grenzen zwischen den Genres ausloten. In den 1970er und 80er Jahren ist Johansson ein fester Bestandteil der Westberliner Freejazz-Szene, die sich um das FMP/SÅJ-Label gruppiert. Er pflegt langjährige musikalische Freundschaften mit Alexander von Schlippenbach und Rüdiger Carl und „entwickelt sein Konzept einer Geräuschmusik mit der er zum Vorreiter der sogenannten Echtzeitmusik wird, die im Ostteil Berlins nach 1990 im Feld zwischen Hausbesetzungen, freier Improvisation, Punk und Neuer Musik ensteht“ (Wolfgang Müller). In seinen musikalischen Darbietungen und Kompositionen erforscht Johansson die Relikte des Modernismus der 1950er und 60er Jahre, oftmals unter Einsatz von „billigen“ Materialien wie Karton oder Schaumstoff. Der österreichische Komponist Peter Ablinger spricht diesbezüglich von einer musica povera, in Anlehnung an die Arte povera der 1960er Jahre, die alltägliche Gegenstände zur Kunst erhob und bevorzugt mit unkonventionellen oder „armen“ Materialien arbeitete.

Unter dem Einfluss der experimentellen und antikonformistischen Methoden des Fluxus betreibt Johansson sehr früh die Dekonstruktion seiner eigenen Praxis als Free-Jazz-Schlagzeuger (den frühen europäischen Free Jazz prägte Johansson im Trio mit Peter Brötzmann und Peter Kowald). Indem er das libertäre Prinzip der freien Musik in andere künstlerische Felder überträgt und abwechselnd in die Rolle des Performancekünstlers, Interpreten, bildenden Künstlers, Dichters und Komponisten schlüpft, lässt er den Jazz-Schlagzeuger als Grenzgänger zwischen den Medien und den Genres zum Gesamtkunstwerk werden.

Blue for a Moment ist der letzte Teil einer Filmtrilogie, die der Luxemburger Filmemacher Antoine Prum der freien Improvisationsmusik gewidmet hat. Nach Sunny’s time now (2008), einem Porträt des Free-Jazz-Drummers Sunny Murray, dessen künstlerischer Werdegang die Einflüsse des amerikanischen Free Jazz auf die europäische Musik der 1960er Jahre spiegelt, entstand mit Taking the Dog for a Walk (2014) eine Bestandsaufnahme der britischen Improvisationsmusik als besonders variables Beispiel für die zahllosen nationalen und regionalen Ableger der Freien Musik in Europa. Mit Blue for a Moment zeichnet Prum das Porträt eines Musikers, der im Laufe seiner Karriere diese vielfältigen Entwicklungen aufgegriffen und gleichzeitig spielerisch transzendiert hat.